Kuschelzeit im Kindergarten
Die Aachener Nachrichten berichten in ihrer Ausgabe vom 28.11.07 über die Betreuung der unter Dreijährigen im Roda-Kindertreff:
Als keine Tränen mehr übrig sind, ist die Kleine eingeschlafen. Flourish hat sich ins Traumland geweint. Weit weg von diesem Ort, der ihr noch so ganz und gar nicht geheuer ist. Im Schoß einer Erzieherin schlummert das Mädchen nun. Und als es aufwacht, will es gleich wieder kuscheln.
So lange wie möglich, ganz fest klammert es sich an. Flourish wird bald zwei Jahre alt und besucht bereits den Roda-Kindertreff. Dieser Kindergarten bietet seit kurzem eine Betreuung auch für unter Dreijährige an. Die entpuppt sich als große Herausforderung für alle Beteiligten.
Da sind zunächst die Kinder, die sich in dieser fremden Umgebung und noch gewöhnt an die Nähe von Papa und Mama ganz neu orientieren müssen. Sie wollen wie die kleine Flourish von den Erzieherinnen auf den Arm genommen werden und - bitte, bitte - nie wieder herunter. Zumindest in den ersten Wochen im Kindergarten fällt ihnen diese Anpassung schwer, die Dreijährigen meist viel schneller gelingt. Das ist ein Problem für das Personal: Zwar hat der Roda-Kindertreff seit August fünf unter Dreijährige in einer Gruppe, doch mehr Erzieherinnen hat er nicht.
«Die Kleinen sind so kuschelbedürftig, dass wir anfangs glatt eine Kraft pro Kind gebrauchen könnten», sagt Leiterin Birgit Blankenheim. Das ist freilich utopisch. Auch mit dem durchgebrachten Kinderbildungsgesetz (Kibiz) wird sich daran wohl nichts ändern. Im Gegenteil: Birgit Blankenheim, die sich an zahlreichen Demonstrationen gegen Kibiz beteiligt hat, fürchtet, dass das Gesetz eher personelle Planungsunsicherheit mit sich bringt. Sie hofft jedoch, dass sie mit geänderten finanziellen Schlüsselzuweisungen zumindest weitere Teilzeitkräfte für die U3-Betreuung gewinnen kann.
Denn die soll noch ausgebaut werden. Etwa zehn weitere Plätze will der Kindertreff im kommenden Jahr einrichten, der Wunsch ist eine kleine altersgemischte Gruppe mit drei Betreuern. Bedarf ist vorhanden. «Wir haben mittlerweile wesentlich mehr Anfragen für Zwei- als für Dreijährige.» In vielen Familien, in denen beide Eltern die Haushaltskasse füllen müssen, wird der Ruf nach solcher Betreuung immer lauter. Ihm gerecht zu werden, kann auch eine Frage des Überlebens für Kindergärten werden. «Der Run auf diese Plätze nimmt zu. Wir müssen dabei sein, wenn wir zukunftsfähig sein wollen.»
Es hat sich deshalb einiges getan in dem Raum, in dem die ganz Kleinen im Kindertreff spielen. Die Räume zwischen den einzelnen Tritten, die hinauf zur Empore führen, sind verkleidet worden, damit kein Knirps hindurch rutschen kann. Auch die Decke ist mit Stoffbahnen ein wenig abgehängt worden. So wirkt der Raum kleiner, das vermittelt Geborgenheit. Und in den Ecken sind flauschige Wohlfühlnischen entstanden mit ganz weichen Kissen zum Hineinknuddeln.
Im Waschraum steht zudem eine neue Dusch- und Wickelkombination, die den Erzieherinnen beim Windelnwechsel rasches Säubern der Popos erlaubt. Auch neues Spielzeug und Bilderbücher für die Jüngsten gibt es. Denn sie sollen im Kindergarten möglichst früh gefördert werden. Projektbezogenes Arbeiten findet häufig statt. Derzeit geht es um Gefühle. Während die größeren sich Bilderbücher zu dem Thema anschauen, lernen die Kleinen erst einmal, verschiedene Gesichtsausdrücke zu deuten, die die Erzieherinnen ihnen vormachen.
Auch voneinander lernen die Kinder viel. Mancher Fünfjährige hat einen der Zwerge regelrecht adoptiert. Blankenheim: «Die Großen zeigen den Kleinen, wie man Schuhe bindet oder die Matschhose vor dem Spielen im Freien anzieht.» Flora ist eine Art Patin der kleinen Flourish geworden. Das Vorschulkind nimmt die jüngere Freundin oft bei der Hand und tröstet sie, lacht mit ihr oder schaut mit ihr Bücher an. Das hilft. Nach zwei Wochen fühlt sich Flourish im Kindergarten schon viel wohler.
«Die Kleinen sind eine Bereicherung für unsere Arbeit», sagt Birgit Blankenheim. «Die Kinder lernen untereinander so viel.» Vielleicht wird das bald noch intensiviert. Auch Einjährige möchte der Kindertreff nämlich aufnehmen. Und deren Kuschelbedürfnis kann ganz schön groß sein.
J.S.-28.11.07
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